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veröffentlicht am 25.04.2022

Pilgern in der Heideregion Uelzen – 15 km auf der Via Scandinavica

Autor:Angela Geschonke

Besonders geeignet für:

Angela Geschonke nimmt uns mit auf ihren ersten Pilgerweg: Auf der Via Scandinavica pilgerte sie 15km durch die Heideregion Uelzen – vom Kloster Medingen über Seedorf bis zum Kloster Ebstorf.

„Lass uns mal pilgern gehen“, schlug meine Freundin vor. „Pilgern? Ich? Und wo denn pilgern? Nach Santiago de Compostela?“ „Nein“, erklärt Birgit, „nicht in Spanien! Hier, bei uns! Auf der Via Scandinavica, dem Jakobsweg von Fehmarn nach Göttingen. Er führt mitten durch die Heideregion Uelzen. Wir pilgern 15 Kilometer weit von Kloster zu Kloster.“ „Und wieso ‚pilgern‘ und nicht einfach wandern“, frage ich Birgit. Das, so meine Freundin, würde ich dann schon erfahren.

Start am Kloster Medingen

 

Zwei Wochen später ist es soweit. Wir treffen uns morgens um 10 Uhr direkt vor dem Kloster Medingen. Die Anlage, die nach einem Brand 1781 im neuklassizistischen Stil wiederaufgebaut wurde, empfängt uns leuchtend in der Morgensonne. Mit uns kommen noch zwei Paare an. Sie wollen das Kloster besichtigen, das gerade seine Pforten öffnet. Wir beide kennen es schon und können daher aus vollen Zügen schwärmen. 

Wir erzählen begeistert von 

  • dem mächtigen Glockenturm, 
  • der integrierten – rund gebauten – Klosterkirche, 
  • der Geschichte des Klosters,
  • ihren Kunstschätzen und
  • den Frauen, die es seit Jahrhunderten bewohnen und prägen. 

Zuerst waren es Zisterzienserinnen, die in dem katholischen Kloster lebten, und nach der Reformation wurde daraus ein Konvent mit evangelischen Stiftsdamen und einer Äbtissin an der Spitze, die sich seitdem um das Kloster kümmern.

Die Via Scandinavica und die Jakobsmuschel

Wir legen unsere Rucksäcke an und marschieren los. Die nächsten drei bis vier Stunden geht es auf unterschiedlichen Wegen, so dass Wanderschuhe, feste Kleidung und Proviant durchaus angebracht sind. 

Zuerst klärt mich Birgit über die Via Scandinavica auf: Die Jakobusgesellschaft Norddeutschland rekonstruierte vor ca. 10 Jahren den fast 1000 Jahre alten Weg von Fehmarn aus. Man führte sich zunächst vor Augen, wie die Menschen damals pilgerten, bzw. reisten. Sie orientierten sich an Flussläufen, Bächen, Megalithgräbern und später an Kirchtürmen. Wälder und Sümpfe wurden gemieden.

 

„Wenn wir also nun den Weg gehen, wirst du vielleicht ab und zu daran denken“, sagt Birgit, „achte auf die Jakobsmuschel oder die gelben Pfeile am Weg, die uns die Richtung weisen.“ „Gut“, bemerke ich, „aber was wird anders sein, wenn ich pilgere anstatt zu wandern?“ Natürlich hatte ich davon gehört, dass Pilgern gerade „in“ ist. „Lass dich ein auf den Weg, suche die Zeichen und die besonderen Merkmale, am Ende wirst du es wissen“, so ihre Antwort.

Das Pilgern beginnt!

Es geht also los, die erste Muschel sehen wir direkt vor dem Kloster, ein letzter Blick auf das wunderschöne Gebäude, und wir folgen der stilisierten Muschel durch Medingen und dann am Wald entlang bis zur Bundesstraße. Wir sind froh, dass wir sie nur überwinden, aber nicht an ihr entlang gehen müssen. Es geht durch Felder, die langsam und still aus dem Winterschlaf erwachen. Das Getreide beginnt zu sprießen. 

Jedes Mal, wenn ich ein Muschelsignet oder einen gelben Pfeil entdecke, freue ich mich wie ein Kind. Wir gehen manchmal schwätzend, manchmal schweigend. Man hört die Autos in der Ferne und die Vögel zwitschern, außerdem die Trecker, die die Felder bestellen. Es ist, als ob alles zusammengehört.

Etappenziel erreicht: Seedorf!

Wir kommen in Seedorf an. Der Ort wirkt heimelig, das Dorfgemeinschaftshaus einladend, die Fachwerkhäuser idyllisch. Das Leben im Dorf erwacht, und ich irgendwie auch, je weiter ich gehe. Die Jakobsmuschel führt uns auf einen etwas unheimlichen Hohlweg bis zum „Goldberg“. Unheimlich deshalb, weil er sich wie ein tiefer Graben durch das Gelände zieht, entstanden durch jahrhundertelange Nutzung mit Fuhrwerken und Vieh und durch abfließendes Regenwasser. Wir sind allein unterwegs. Es ist, als ob wir zur Natur gehören. Dann sehen wir plötzlich freies Feld vor uns. Ich halte kurz inne und spüre die Ruhe der Landschaft um uns herum ganz unmittelbar.

Hohenbünstorf empfängt uns freundlich, das Gasthaus Wilhelms mittendrin wirkt einladend, Menschen in den Vorgärten und auf den Höfen begrüßen uns lächelnd. Wir machen eine Pause und unterhalten uns mit Dorfbewohnern, die wir gar nicht kennen. Zu schnell vergeht die Zeit, und es geht weiter, ein Stück Straße und Feldweg entlang hinein in die Tannenworth, so heißt der Wald, von dem erzählt wird, dass dort ein versunkenes Schloss liegen soll, die Grevenriede

Wir überqueren die Stelle mit einem komischen Gefühl und gehen weiter auf einem kleinen Pfad zum Waldweg, der uns dann direkt in Richtung Kloster führt. Vor uns sehen wir jetzt auch eine andere, größere Gruppe von Wanderern, oder vielleicht auch Pilger, die diesen Weg ebenfalls für sich entdeckt haben.


Ebstorf - Ziel erreicht

Als wir aus dem Wald kommen, leuchtet der große Kirchturm des Klosters Ebstorf schon von weitem. Im Ort spürt man die Geschäftigkeit überall in den Straßen. Wir lächeln den Kindern zu, die anscheinend auf dem Nachhauseweg von der Schule sind und gehen selbst auf geradem Wege zum Kloster. Es steht noch genauso da, wie es vor 600 Jahren gebaut wurde - als Backsteinbau, groß, mächtig und ehrfürchtig, ganz anders als das Kloster Medingen, bei dem es sich ja mit
seinen 230 Jahren um einen „jungen“ Bau und zugleich um den ersten evangelischen Klosterbau in Norddeutschland handelt.

 

   

 


Beide gehören zu den Lüneburger Klöstern. Ich denke an die berühmte Ebstorfer Weltkarte, fast 13 m2 groß und mit über 2.500 Einträgen das größte und reichhaltigste überlieferte mittelalterliche Weltbild, und fühle eine besondere, ehrfürchtige Stimmung. Wir sind am Ziel!

Ich halte inne. Und spüre, was Birgit mit „pilgern“ gemeint hat: Es tut gut, einen Weg bewusst zu gehen. Dann ist der Weg das Ziel. Aber auch ein Weg zum Ziel. Birgit und ich jedenfalls freuen uns über diesen Tag, der nun mit einem Besuch im Kloster Ebstorf und danach einem leckeren Essen im Klosterflecken endet. Und ich bin mir sicher, ich gehe sie bald weiter, die Via Scandinavica!

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